Wohin nun? Die London Cycle Show
Von BOB
Diesen Artikel habe ich während der London Cycle Show geschrieben und ihn nach meiner Rückkehr vergessen. Zufällig fiel er mir wieder in die Hände und da die Themen der London Cycle Show für uns immer noch relevant sind, möchte ich euch den Artikel nicht vorenthalten. Mittlerweile bin ich in London schon beinahe 'Ausländer', hier sind Eindrücke aus dem hier und jetzt von meiner ehemaligen Heimatstadt.
Für fünf Tage ging es rüber nach London. Seit langer Zeit bin ich wieder zurück in meiner Heimatstadt. Bitte verübelt es mir nicht, dass ich mit Ryan Air von Bremen nach Stanstead flog. Ich weiß, es ist nicht grade politisch korrekt für die Busfahrt zum Flughafen mehr zu bezahlen als für den Flug an sich. Überraschenderweise hat aber alles wirklich gut geklappt. Ryan Air ist effizient, pünktlich und irgendwie werden die wohl auch ihr Geld verdienen. Vom schlechten Gewissen geplagt, sind wir nach kurzer Busfahrt in der wahrscheinlich größten, pulsierendsten und trendigsten Hauptstadt der Welt angekommen - und wir haben bis 22:30 Uhr nichts zu essen gehabt. Jetzt weiß ich, warum ich europäische Städte wie Berlin so liebe: Da sind die Läden einfach nie geschlossen! Und in London wird in Bars traditionell auch noch die letzte Runde ausgerufen, also schnell trinken!
Aber egal, wir sind schließlich nicht nach London gekommen um uns zu beschweren, wir sind hier um Geschäfte zu machen, Leute zu treffen und meine Familie zu besuchen. Mein Sohn Kosta (der Fotograf, der viele der Fotos auf unserer Homepage gemacht hat) lebt in London und wir haben in seinem Apartment in Shepards Bush übernachtet. Nun ja, es war eigentlich eher eine Besenkammer als ein Apartment... und das für 90 Pfund in der Woche; aber dennoch - das Bett konnten wir nach dem anstrengenden Tag gut gebrauchen. Am nächsten Morgen klopfte Kosta, der bei einem Freund übernachtet hatte, früh an die Tür und wir mussten auf zur Cycle Show am Earls Court. Kosta hat uns zwei sogenannte "Oyster Tickets" für Bahn und U-Bahn besorgt. Die lädt man einfach auf und kann sie bei jeder Fahrt einlesen. Es ist ein intelligentes System, dass maximal den Preis für ein Tagesticket berechnet, egal wie häufig man fährt.
THE CYCLE SHOW 2008
Bild: Die Cycle Show am Händlertag
Bob: Die Cycle Show war im Earls Court, der zwar wahnsinnig viel Platz für Konzerte bietet (ich selbst habe dort die Stones und David Bowie gesehen), aber für eine Fahrradmesse - grade im Vergleich zur Eurobike oder sogar der zuletzt dezimierten IFMA - schon ziemlich klein ausfällt. Trotzdem ist es dort sehr nett und professionell und der Händlertag ist für Leute aus der Fahrradbranche kostenlos. Diese Messe ist aber eigentlich eine Endverbrauchermesse, deshalb gibt es in London auch nur einen Händler-, dafür aber drei Endverbrauchertage. Das Erste was einem auffällt ist, dass es auf dem Messegelände ungewöhnlich viele Autos gibt. Ich habe noch nie so viele Autos auf einer Fahrradmesse gesehen, obwohl auf der Eurobike auch schon relativ viele zu sehen waren. Schon lustig, dass die Fahrradindustrie "alternative Transportmöglichkeiten" auf ihrer eigenen Messe zeigt... aber wahrscheinlich sponsoren die Autohersteller die Show. Zum Glück sponsort Kalashnikov nichts, sonst gäbe es Maschinengewehre auf jeder Show.
Bild: Den kenne ich doch! - Mh, Nick.. wann ist die neue Kupplung eigentlich fertig?
Wir haben einige alte Freunde getroffen: Nick, der sein Paper Bicycle ausgestellt hat, Peter Eland von VeloVision, Dominik Peitsch von Hebie und die Nutcase-Jungs Dave und Martin. Die Aussteller waren eine Mischung aus Fahrradproduzenten und Fahrradfürsprechern. Viele Leute haben aufgezeigt, wie man Transportprobleme in London lösen kann. Es waren viele Mountainbikes auf der Messe und eine unglaubliche Masse an Fixed- und Single-Speed-Bikes. Mein Lieblingsstand war der von Charge. Die Waschsalon-Front ist großartig. Ich habe mal ein Foto von ihrer Webseite gestohlen:
Bild: Der Charge Stand mit Waschsalon-Front
Das Single-Speed-Thema ist groß! Es sieht ganz danach aus, dass unser Plan für die Urban Steel Bikes, welche wir in Kooperation mit Allegro aus Australien herstellen, aufgeht und das war auch der eigentliche Grund für uns nach London zu kommen. Wir hatten ein Meeting mit zwei Leuten, die ich bislang nur über Email und Skype kennengelernt habe. Mark Foster und Rob Bushill, zusammen machen sie "Good things from the Dairy". In einer alten, umgebauten Molkerei haben die Beiden ihren Showroom und ihr Lagerhaus. Von dort aus schicken sie Räder quer duch Großbritannien. Mark ist außerdem der Inhaber von Loads Better, die das Xtracycle in Großbritannien vertreiben. Mark und Rob haben mit "Good things from the Dairy" ein neues Projekt gestartet und sind von unseren Steel Bikes begeistert. Die ersten BiGBOYs sind im Verkauf und die Urban Steel Bikes werden bald folgen. Sie sind tolle Jungs, sehr engagiert und USED arbeitet sehr gerne mit passionierten Leuten zusammen. Die Branche in Großbritannieren ist folgendermaßen aufgebaut: Es gibt nur wenige Großhändler, die an Läden verkaufen. Die Großhändler haben zwar einen Showroom für Verbaucher, ausgeliefert wird aber nur an Händler. Sollte für uns eine gute Option sein. Rob verkauft außerdem die großartige DutchTub. (Ich wünschte, ich könnte mir selbst eine leisten.)
Bild: Bob mit Rob und Mark von Good things from the dairy - Los Leute, lächeln!
Lasst uns hoffen, dass Mark und Rob ihren Laden schnell zum laufen bekommen. Das BiGBOY vom Bild war übrigens ein Highlight auf dem Test Track und ununterbrochen unterwegs.
Kontakt zu Mark und Rob (falls ihr aus dem UK kommt):
Good Things from the Dairy
The Dairy
Rodford Elm Cottage
Westerleigh Road
Westerleigh
Bristol BS37 8QF U.K.
info(at)goodthingsfromthedairy.co.uk

Bild: Welcome to the Dairy
Hier sind noch ein paar Links für euch:
1. Mehr zu Fixed- und Singlespeed-Bikes - hier ist ein cooler Artikel der New York Times über die Bicycle Messenger im Big Apple. Achtet auf die Slideshow! ...mehr
2. Hier sind ein paar Fotos von Carlton Reid (Bike Biz), die zeigen, worauf es beim Radfahren in London ankommt. ...mehr
Übrigens: Die Pizza im Earls Court ist miserabel, trinkt lieber mehr Bier!
Genug gearbeitet - lasst und ein bisschen Spaß haben
Bob: Nach der Messe sind wir nach Notting Hill Gate gefahren und haben im Sushi Restaurant in dem Kosta arbeitet gegessen. Feng Sushi ist ein Eckladen mit kleinem Gastraum, der viel ausliefert. Zur Zeit sind die Jungs leider nur auf Motorrollern unterwegs, aber ich versuche sie noch davon zu überzeugen, dass Fahrräder die bessere Alternative sind. In London gibt es sechs Feng Sushis und Kosta ist dieser Job schon in Fleisch und Blut übergegangen. Er weiß viel über rohen Fisch und hat uns alles erklärt. Mir hat das Essen, das Asahi Bier und der Sake sehr gut geschmeckt. Dani war aber nicht überzeugt, sie allerdings auch zum ersten Mal Sushi probiert. Kosta sagt, dass er, weil er täglich rohen Fisch isst, nie krank wird. Die Gäste waren hauptsächlich weiblich (im Verhältniss 12 zu 2), was schon ein bisschen seltsam ist. Falls es euch mal nach London verschlägt, schaut bei Kosta im Feng Sushi vorbei ...mehr hier.
Picture: message on the delivery scooter
Nach dem Essen haben wir uns wieder mit Mark getroffen und ein paar Biere im Pub getrunken. Nachdem ist schon lange nicht mehr in England war, dachte ich, dass das Ausrufen der letzten Runde der Vergangenheit angehöre - aber weit gefehlt! Grade wenn man ins Gespräch gekommen ist und sich gut fühlt, klingt die alte wohlbekannte Glocke. Mark verbringt viel Zeit in Frankreich und genießt es wieder zurück nach England zu kommen und sein Ale zu trinken. Wir haben uns näher kennengelernt, sprachen über Musik, Filme, Comedy. Kosta und Mark haben vereinbart, sich in London zu treffen sobald die Musterräder angekommen sind um ein paar "urban pictures" der Räder zu machen. Das sollte gut werden!
Wohin nun - Fahrräder in London
Bob: Das hier ist eine Betrachtung der Dinge von außen. Ich muss mal wieder Timbuk 3 zitieren: "The future's so bright I gotta wear shades!". Vielleicht noch nicht 2008 oder 2009, aber wir kommen dahin. Nach der verrückten Eurobike und der letzten, etwas enttäuschenden IFMA, hat mir London einen neuen Aspekt der Fahrradkultur gezeigt. Die Leute, die ich auf Fahrrädern gesehen habe, lassen sich in zwei Gruppen einteilen. 1: Die traditionelle Rennrad-Szene, Singlespeed, "fast and furious" und 2: die Trekkingrad-Leute mit Gepäckträgern und Beleuchtung. Nur ein paar einsame Mountainbikes waren dazwischen zu finden. Es scheint, dass das Fahrrad als alternatives Transportmittel immer mehr akzeptiert wird. Außerdem denke ich, dass die englischen Kommunen das Fahrrad mehr pushen als es hier in Deutschland der Fall ist.
Preis: Das war ich über die deutschen Händler nach der IFMA geschrieben habe, bestätigt sich auch für Großbritannien. Händler erzählen einem, dass der Preis ein großes Problem und dein Produkt zu teuer sei. Der Verbraucher ist da cleverer. Er kennt die Benzinpreise, er weiß, dass Nahrungsmittel immer teurer werden und er weiß ebenso, dass ein hochwertiges Rad seinen Preis hat. Ich hoffe die Händler lernen von den Verbrauchern und scheuen sich nicht länger hochwertige Produkte (wie bei USED!) zu verkaufen - wir möchten nochmal darauf hinweisen: "Die Qualität bleibt erhalten, wenn der Preis schon längst vergessen ist."
Nutzen: Man kann so viel mit einem Fahrrad machen. Pendeln, shoppen, lernen, sozialisieren und dabei eine Menge Spaß haben. Schau dir die neidischen Blicke der SUV-Fahrer an, wenn du dir deinen Kasten Bier mit dem Fahrrad aus dem Supermarkt holst - das würden sie auch gerne können - trauen sich aber noch nicht! Du brauchst weniger Platz, lebst nachhaltiger, bist umsichtiger, modern und kannst stolz darauf sein. Du kannst den Leuten ruhigen Herzens erzählen, dass du ein Auto nur benutzt, wenn es unumgänglich ist.
Spaß: Wir lieben was wir tun. Uns gefallen die Produkte die wir verkaufen und die Branche in der wir arbeiten dürfen. Denn es macht großen Spaß in der Fahrradbranche zu arbeiten. In meinen sentimentalen Momenten möchte ich es beinahe mit Liebe, Frieden und dem San Fransisco Ende der 60er vergleichen, aber natürlich ist uns bewusst, dass es im Grunde eine Industrie wie jede Andere ist. Was ich eigentlich sagen will ist, dass ich die meisten Leute aus der Fahrradbranche wirklich gerne mag. Seien es Zulieferer, Kunden, Mitbewerber, die Presse oder wer auch immer - alle haben Spaß an ihrer Arbeit.
Vielen Dank an Mark und Rob von "Good things from the Dairy", Kosta für Bett, Essen und Unterhaltung, meine Mutter, die sich um uns gekümmert hat und Uli, der das Büro am laufen gehalten hat während wir weg waren. Hugs an kisses an Nick von Carry Freedom, Martin und Dave von Nutcase, Peter von VeloVision, Dominik von Hebie und Peter Lumley von Bicycle Trade and Industry.
